»Nun, eines Tages stand ich wieder vorn – ich habe oft Schläge bekommen, weil ich nicht gut mit der rechten Hand schreiben konnte und es immer wieder mit links gemacht habe. Er hatte mich schon dreimal geschlagen – und fünf Minuten dazu gebraucht –, und vor dem nächsten Hieb hat er mir einen Vortrag gehalten, was für ein dummer, fauler, sturer Kerl ich doch wäre. Meine Hand hat furchtbar gebrannt, weil es schon das zweite Mal an diesem Tag war, und ich hatte Angst, weil ich wusste, dass ich zu Hause noch einmal Prügel bekommen würde – das war die Regel; wenn ich in der Schule geschlagen worden war, passierte das Gleiche zu Hause sofort noch einmal, weil mein Vater die Schule wichtig fand … Jedenfalls habe ich die Geduld verloren.« Seine linke Hand krümmte sich unwillkürlich um den Zügel, als wollte er die empfindliche Handfläche schützen.

Er hielt inne und sah mich an. »Ich verliere nur selten die Geduld, Sassenach, und meistens tut es mir hinterher leid.« Und eine konkretere Entschuldigung, dachte ich, würde ich wahrscheinlich nicht bekommen.

»Hat es dir damals leidgetan?«

»Nun ja, ich habe die Fäuste geballt und ihn böse angesehen – er war ein langer dürrer Kerl, vielleicht zwanzig, obwohl er in meinen Augen alt wirkte. Und dann habe ich gesagt: ›Ich habe keine Angst vor Euch, und Ihr könnt mich nicht zum Weinen bringen, ganz gleich, wie fest Ihr mich schlagt!‹« Er holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. »Es war vermutlich ein Fehler, ihm das zu sagen, solange er die Rute noch in der Hand hielt.«

»Erzähl’s mir nicht«, sagte ich. »Er hat versucht, dir das Gegenteil zu beweisen?«

»Oh, aye, er hat es versucht.« Jamie nickte; ich sah seinen Kopf dunkel vor dem wolkenhellen Himmel. Er legte eine gewisse grimmige Genugtuung in das Wort »versucht«.

»Dann ist es ihm also nicht gelungen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Zumindest ist es ihm nicht gelungen, mich zum Weinen zu bringen. Er hat mich aber dazu gebracht zu bedauern, dass ich den Mund nicht gehalten hatte.«

Er hielt einen Moment inne und wandte mir das Gesicht zu. Die Wolkendecke war aufgerissen, und das Mondlicht betonte die Kanten seines Kinns und seiner Wangen, so dass er aussah wie einer von Donatellos vergoldeten Erzengeln.

»Als dir Dougal vor unserer Hochzeit meinen Charakter beschrieben hat, hat er da zufällig erwähnt, dass ich manchmal etwas stur bin?« Seine Katzenaugen glitzerten, jetzt allerdings eher Luzifer als Erzengel Michael.

Ich lachte. »Das ist gelinde ausgedrückt. Wenn ich mich recht erinnere, hat er erzählt, dass die Frasers stur wie Felsbrocken sind und du der Schlimmste von allen bist. Ehrlich gesagt«, setzte ich trocken hinzu, »war mir so etwas auch schon aufgefallen.«

Er lächelte, während er sein Pferd um eine große Pfütze auf der Straße herumführte und das meine hinter sich herzog.

»Mmpf, nun ja, ich kann nicht behaupten, dass Dougal unrecht hat«, sagte er, als er das Hindernis hinter sich hatte. »Aber ich habe meine Sturheit geerbt. Mein Vater war genauso, und hin und wieder haben wir uns gegenseitig so an die Wand geredet, dass das Ganze nur noch mit Gewalt zu lösen war, was in den meisten Fällen damit endete, dass ich mich über den Zaun bücken musste.«

Plötzlich streckte er die Hand aus, um den Zügel meines Pferdes fester zu packen, weil das Tier plötzlich scheute. »Hooh. Ruhig. Stad!« Sein eigenes Pferd erschrak nicht so heftig, sondern schlug nur nervös mit dem Kopf.

»Was ist denn?« Trotz des Mondlichts, das Straße und Feld in fleckiges Licht tauchte, konnte ich nichts Verdächtiges erkennen. Vor uns befand sich ein dichtes Kiefernwäldchen, und es schien den Pferden zu widerstreben, näher heranzugehen.

»Ich weiß es nicht. Bleib hier und verhalte dich still. Steig auf und halte mein Pferd fest. Wenn ich dich rufe, lass die Zügel meines Pferdes los und flüchte.« Jamies Stimme war leise und beiläufig, und sie wirkte auf mich genauso beruhigend wie auf die Pferde. Er murmelte dem Pferd ein leises »sguir« zu und klopfte ihm auf den Hals, um es näher zu mir hinüberzudrängen. Dann verschwand er in der Heide, die Hand an seinem Dolch.

Ich sah und hörte mich angestrengt um, weil ich herausfinden wollte, was die Pferde so nervös machte; sie scharrten mit den Hufen, und ihre Ohren und Schweife zuckten. Inzwischen hatte der Nachtwind die Wolken verweht, und nur ein paar verstreute Fetzen huschten noch vor dem gleißenden Mond vorüber. Trotz der Helligkeit konnte ich aber weder auf der Straße noch in dem bedrohlichen Wäldchen etwas erkennen.

Dort war es zwar dunkel, aber nicht still. Die Kiefern rauschten leise vor sich hin, Millionen von Nadeln, die sich im Wind wiegten. Es waren sehr alte Bäume, gespenstisch im Zwielicht. Gymnospermen, Koniferen, die geflügelte Samen verstreuten, viel älter und gestrenger als die weich belaubten Eichen und Eschen mit ihrem filigranen Geäst. Ein passender Ort für Ruperts Gespenster und böse Geister.

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