Allmählich wurde es spät … oder früh, je nachdem, wie man es betrachtete, und wir mussten reiten, wenn wir Bargrennan noch vor Tagesanbruch erreichen wollten. Ich hatte mich inzwischen so weit erholt, dass ich es ertragen konnte zu sitzen, auch wenn ich immer noch beeinträchtigt war.

Wir ritten ein Stück in kameradschaftlichem Schweigen dahin. Meinen Gedanken überlassen, fragte ich mich zum ersten Mal in Ruhe, was wohl geschehen würde, wenn ich je zu dem Steinkreis zurückfand. Ich hatte ihn zwar unter Zwang geheiratet und war auf ihn angewiesen, doch ich konnte auch nicht leugnen, dass mir Jamie sehr ans Herz gewachsen war.

Was er für mich empfand, war möglicherweise klarer. Erst durch die Umstände, dann durch Freundschaft und letztlich durch erstaunlich tiefe körperliche Leidenschaft mit mir verbunden, hatte er bis jetzt noch nicht einmal beiläufig erwähnt, was er wirklich fühlte. Und doch …

Er hatte sein Leben für mich riskiert. Möglich, dass er das um seines Ehregelübdes willen getan hatte; er würde mich bis zum letzten Blutstropfen beschützen, hatte er gesagt, und ich glaubte ihm, dass er das ernst meinte.

Viel mehr allerdings berührten mich die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden, in denen er mir auf einmal Zugang zu seinen Gefühlen und seinem Innenleben gewährt hatte, einschließlich seiner Fehler. Wenn er so viel für mich empfand, wie ich glaubte, was würde er empfinden, wenn ich plötzlich verschwand? Mein körperliches Unbehagen trat vollends in den Hintergrund, als ich mich jetzt mit diesen unangenehmen Gedanken befasste.

Es waren nur noch ein paar Meilen bis Bargrennan, als Jamie das Schweigen brach.

»Ich habe dir nicht erzählt, wie mein Vater gestorben ist«, sagte er abrupt.

»Dougal hat gesagt, er hatte einen Schlaganfall«, sagte ich verblüfft. Ich vermutete, dass Jamies Gedanken in der Folge unserer Unterhaltung von vorhin noch bei seinem Vater waren, aber ich konnte mir nicht vorstellen, was ihn nun auf dieses Thema brachte.

»Das stimmt. Aber es … er …« Er hielt inne, um sich seine Worte zurechtzulegen, dann zuckte er mit den Schultern und gab jede Vorsicht auf. Er holte tief Luft und atmete wieder aus. »Du solltest es wissen. Es hat mit … allem zu tun.« Die Straße war hier so breit, dass wir ohne Schwierigkeiten nebeneinanderreiten konnten, solange wir die heimtückischen Steine im Auge behielten; die Ausrede mit dem Pferd, die ich Dougal gegenüber benutzt hatte, war keineswegs aus der Luft gegriffen gewesen.

»Es war im Fort«, begann Jamie, während er behutsam an einer gefährlichen Stelle vorbeiritt, »wo wir gestern waren. Wohin mich Randall und seine Männer aus Lallybroch gebracht haben. Wo sie mich ausgepeitscht haben. Zwei Tage nach dem ersten Mal hat mich Randall in seine Schreibstube rufen lassen. Zwei Soldaten haben mich aus der Zelle zu seinem Zimmer hinaufgebracht, dort, wo ich dich auch gefunden habe; deshalb wusste ich, wohin ich musste. Draußen auf dem Hof sind wir meinem Vater begegnet. Er hatte herausbekommen, wohin sie mich verschleppt hatten, und war dort, um zu prüfen, ob er mich irgendwie auslösen konnte – oder wollte sich zumindest davon überzeugen, dass es mir gutging.«

Jamie gab seinem Pferd sacht die Fersen und trieb es mit einem leisen Schnalzen seiner Zunge weiter. Nicht mehr lange bis zum Tagesanbruch.

»Bis zu seinem Anblick war mir gar nicht bewusst gewesen, wie allein ich mich dort gefühlt hatte – oder welche Angst ich hatte. Die Soldaten haben uns zwar nicht allein gelassen, aber ich durfte ihn zumindest begrüßen.« Er schluckte und fuhr fort.

»Ich habe ihm gesagt, dass es mir leidtut – das mit Jenny und der ganze traurige Schlamassel. Aber er hat gesagt, ich soll still sein, und hat mich fest an sich gedrückt. Dann haben die Soldaten angeordnet, dass ich gehen müsste. Also hat er mich noch einmal bei den Armen genommen und mich ermahnt, ich soll nicht vergessen zu beten. Er hat gesagt, er würde zu mir stehen, ganz gleich, was geschah, und ich sollte den Kopf nicht hängen lassen und versuchen, mir keine Sorgen zu machen. Er hat mich auf die Wange geküsst, und die Soldaten haben mich abgeführt. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.«

Seine Stimme war zwar fest, aber ein bisschen belegt. Ich hatte einen Kloß im Hals, und ich hätte ihn berührt, wenn ich es gekonnt hätte. Doch an dieser Stelle verengte sich die Straße, und ich war gezwungen, kurz hinter ihm herzureiten. Als ich wieder aufholte, hatte er sich gefasst.

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