Die Soldaten hatten Jamie nicht in die Zelle zurückgesteckt, die er sich mit drei anderen Gefangenen geteilt hatte. Stattdessen hatte man ihn allein in ein kleines Zimmer gesteckt, wo er ohne Ablenkung auf die Abrechnung am Freitag warten durfte, abgesehen vom täglichen Besuch des Garnisonsarztes, der ihm den Rücken verband.

»Er war zwar kein großer Arzt«, sagte Jamie, »aber er war gut zu mir. Als er am zweiten Tag mit seinem Gänseschmalz und der Holzkohle kam, hat er mir eine kleine Bibel mitgebracht, die einem Gefangenen gehört hatte, der gestorben war. Er sagte, er hätte gehört, dass ich Papist bin, und ob ich nun Trost in Gottes Wort fände oder nicht, ich könnte ja zumindest meine Sorgen mit dem vergleichen, was Hiob durchgemacht hat.« Er lachte.

»Seltsamerweise hat es mich getröstet. Unser Herr musste schließlich auch die Geißel ertragen, und ich konnte darüber nachsinnen, dass ich zumindest nicht hinterher ins Freie gezerrt und gekreuzigt werden würde. Andererseits«, setzte er hinzu, »musste sich unser Herr auch keine unsittlichen Anträge von Pontius Pilatus anhören.«

Jamie hatte die kleine Bibel noch. Er kramte in seiner Satteltasche danach und gab sie mir, damit ich sie mir ansehen konnte. Es war ein abgenutztes, keine fünfzehn Zentimeter großes, in Leder gebundenes Büchlein, das auf so dünnem Papier gedruckt war, dass die Worte der einen Seite auf die andere durchschienen. Auf der ersten Seite stand Alexander William Roderick MacGregor, 1733. Die Tinte war verblichen und verschwommen und der Einband gewellt, als wäre das Buch mehrmals nass geworden.

Ich drehte das schmale Buch neugierig um. Obwohl es so dünn war, musste es ihn einige Mühe gekostet haben, es während seiner Reisen und Abenteuer der letzten vier Jahre bei sich zu behalten.

»Ich habe dich noch nie darin lesen sehen.« Behutsam gab ich es ihm zurück.

»Nein, deshalb verwahre ich es auch nicht«, erklärte er. Er steckte es wieder ein und strich dabei mit dem Daumen über die Kante des abgenutzten Einbandes. Geistesabwesend klopfte er auf die Satteltasche.

»Alex MacGregor hat noch eine unbezahlte Rechnung offen. Ich habe vor, sie eines Tages einzutreiben.« Dann kehrte er zu seiner Erzählung zurück. »Jedenfalls wurde es endlich Freitag, und ich weiß gar nicht, ob ich darüber froh oder unglücklich war. Das Warten und die Angst waren beinahe schlimmer, als ich vermutete, dass es der Schmerz sein würde. Aber als es so weit war …« Er bewegte sich mit diesem seltsamen, angedeuteten Achselzucken, als glättete er das Hemd über seinem Rücken. »Nun, du hast die Narben ja gesehen. Du weißt, wie es war.«

»Nur weil Dougal es mir erzählt hat. Er sagt, er war dabei.«

Jamie nickte. »Aye, er war dabei. Und mein Vater ebenfalls, obwohl ich das in dem Moment nicht wusste. In meinen Gedanken war damals nicht viel Raum für etwas anderes als meine eigenen Sorgen.«

»Oh«, sagte ich langsam, »und dein Vater …«

»Mmm. Da ist es passiert. Ein paar der Männer haben mir hinterher erzählt, sie hätten nach der Hälfte der Prügel gedacht, ich wäre tot, und mein Vater dachte das wahrscheinlich auch.« Er zögerte, und seine Stimme war belegt, als er fortfuhr. »Als ich zusammengebrochen bin – so hat Dougal es mir erzählt –, hat mein Vater einen unterdrückten Laut ausgestoßen und sich an den Kopf gefasst. Dann ist er zusammengesackt wie ein Stein. Und ist nicht wieder aufgestanden.«

Der Gesang der Vögel im Heidekraut wurde jetzt lauter. Jamie hatte den Kopf gesenkt, so dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Ich wusste nicht, dass er tot war«, fuhr er leise fort. »Sie haben es mir erst einen Monat später erzählt … als sie dachten, ich könnte es verkraften. Also konnte ich ihn auch nicht begraben, wie es sein Sohn hätte tun sollen. Und ich habe sein Grab noch nie gesehen – weil ich Angst habe, heimzugehen.«

»Jamie«, sagte ich. »Jamie, mein Herz.«

Nach einer Pause, die mir sehr lang erschien, sagte ich: »Aber du darfst … du kannst dich nicht selbst dafür verantwortlich machen. Jamie, du hättest doch nichts tun können, nichts anders machen können.«

»Nicht?«, sagte er. »Nein, vielleicht nicht, obwohl ich mich frage, ob es auch geschehen wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte. Aber dieses Wissen ändert nicht viel an dem, was ich empfinde – und ich habe das Gefühl, als hätte ich ihn mit meinen eigenen Händen umgebracht.«

»Jamie …«, sagte ich noch einmal und hielt dann hilflos inne. Er ritt eine Weile schweigend vor sich hin, dann richtete er sich kerzengerade auf.

»Ich habe nie jemandem davon erzählt«, sagte er abrupt. »Aber ich dachte, du solltest es wissen – das mit Randall, meine ich. Was es ist, das zwischen ihm und mir steht.«

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