Er hielt den Dolch an der Klinge fest, senkrecht, so dass sich die Morgensonne in dem Mondstein fing und ihn aufleuchten ließ. Während er den Dolch wie ein Kruzifix hochhielt, rezitierte er etwas auf Gälisch. Ich erkannte den Text von der Eidzeremonie in Colums Halle, doch er ließ um meinetwillen die englische Übersetzung folgen:
»Ich schwöre beim Kreuz unseres Herrn Jesus Christus und bei dem heiligen Eisen in meiner Hand, dir meine Gefolgschaft zu gewähren und dem Namen der MacKenzies meine Treue zu schwören. Sollte sich meine Hand je gegen dich erheben, so möge mir dies heilige Eisen das Herz durchbohren.« Er küsste den Dolch an der Verbindungsstelle zwischen Heft und Klinge und gab ihn mir zurück.
»Ich spreche keine leeren Drohungen aus, Sassenach«, sagte er und zog die Augenbraue hoch, »und ich schwöre keinen Meineid. Können wir jetzt ins Bett gehen?«
Kapitel 23
Die Rückkehr nach Leoch
Dougal schritt ungeduldig vor dem
»Du hast es also geschafft, wie?«, fragte er und sah beifällig zu, wie ich ohne Hilfe abstieg, auch wenn ich am Boden kurz strauchelte. »Tapferes Mädchen – zehn Meilen ohne einen Laut. Geh schon zu Bett, du hast es dir verdient. Ich bringe mit Jamie die Pferde in den Stall.« Er klopfte mir sacht auf den Hintern. Ich folgte seinem Vorschlag nur zu gern und war schon eingeschlafen, ehe mein Kopf auf dem Kissen landete.
Zwar schlief ich wie ein Stein, als Jamie neben mir unter die Decke kroch, doch am späten Nachmittag wurde ich unvermittelt wach und war fest davon überzeugt, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte.
»Horrocks!«, rief ich aus und setzte mich kerzengerade hin.
»Häh?« Aus dem Tiefschlaf gerissen, fuhr Jamie seitlich aus dem Bett und landete in der Hocke auf dem Boden, die Hand an dem Dolch, der auf seinen Kleidern lag. »Was?!«, keuchte er und sah sich wild im Zimmer um. »Was ist?«
Ich verkniff es mir, über den Anblick zu kichern, den er bot, nackt auf dem Boden, während sein rotes Haar in alle Himmelsrichtungen abstand.
»Du siehst aus wie ein aufgeschrecktes Stachelschwein.«
Er funkelte mich böse an, erhob sich und legte den Dolch wieder auf den Hocker mit seinen Kleidern.
»Und du konntest nicht warten, bis ich wach bin, um mir das zu sagen?«, erkundigte er sich. »Du meinst, es würde mehr Eindruck machen, wenn du mich aus dem Schlaf reißt, indem du mir ›Mistbock‹ ins Ohr brüllst?«
»Doch nicht ›Mistbock‹«, erklärte ich. »Horrocks. Mir war plötzlich eingefallen, dass ich völlig vergessen hatte, dich nach ihm zu fragen. Hast du ihn gefunden?«
Er setzte sich auf das Bett, ließ den Kopf in seine Hände sinken und rieb sich heftig das Gesicht, als wollte er die Durchblutung anregen.
»Oh, aye«, hörte ich ihn zwischen den Fingern hindurch gedämpft sagen. »Aye, ich habe ihn gefunden.«
Ich konnte an seinem Tonfall erkennen, dass ihm der Deserteur nichts Gutes erzählt hatte.
»Wollte er dir doch nichts verraten?«, fragte ich mitfühlend.
Mit einer solchen Weigerung hatte er immer gerechnet, obwohl Jamie bereit gewesen war, sich nicht nur von seinem eigenen Geld und einer Summe zu trennen, die ihm Dougal und Colum zur Verfügung gestellt hatten, sondern auch vom Ring seines Vaters, wenn es nötig wurde.
Jamie legte sich wieder neben mich und starrte zur Decke.
»Nein«, sagte er. »Nein, er hat es mir schon erzählt. Sogar zu einem annehmbaren Preis.«
Ich stützte mich auf meinen Ellbogen, um ihm ins Gesicht sehen zu können.
»Und?«, wollte ich wissen. »Wer
Er blickte mich an und lächelte grimmig.
»Randall.« Er schloss die Augen.
»Randall?«, sagte ich verständnislos. »Aber warum denn?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete er, ohne die Augen zu öffnen. »Ich könnte den Grund vermutlich erraten, doch es spielt keine große Rolle. Keine Chance, es zu beweisen.«
Da musste ich ihm beipflichten. Ich ließ mich neben ihm auf das Bett sinken und betrachtete die schwarzen Eichenbalken an der Decke.
»Was kannst du denn jetzt tun?«, fragte ich. »Nach Frankreich gehen? Oder vielleicht …«, mir kam ein brillanter Gedanke, »vielleicht nach Amerika? Du würdest in der Neuen Welt gewiss deinen Weg gehen.«
»Über das Meer?« Er erschauerte kurz. »Nein. Nein, das könnte ich nicht.«
»Nun, was denn dann?« Ich wandte ihm den Kopf zu. Er klappte ein Auge gerade so weit auf, um mir einen angesäuerten Blick zuzuwerfen.
»Ich dachte, für den Anfang könnte ich vielleicht noch eine Stunde schlafen«, sagte er, »aber das ist anscheinend nicht der Fall.« Resigniert rutschte er ein Stück in die Höhe und lehnte sich an die Wand. Ich war vorhin zu müde gewesen, um die Bettwäsche abzuziehen, und neben seinem Knie entdeckte ich jetzt einen verdächtigen schwarzen Fleck auf der Decke, den ich argwöhnisch im Blick behielt, während Jamie redete.
»Du hast recht«, stimmte er mir zu, »wir könnten nach Frankreich gehen.« Ich zuckte zusammen, da ich vorübergehend vergessen hatte, dass auch ich jetzt Teil seiner Entscheidung war, wie auch immer diese aussehen mochte.