Es war gut, dass wir geschlafen hatten, so lange es uns möglich gewesen war. Weil Dougal darauf brannte, vor dem Herzog von Sandringham in Leoch zu sein, schlug er ein schnelles Tempo ein und folgte einem engen Zeitplan. Ohne die Wagen kamen wir trotz schlechter Straßen viel besser voran. Doch Dougal drängte uns voran und legte stets nur kurze Pausen ein.
Als wir schließlich wieder durch die Tore von Leoch ritten, waren wir beinahe so mitgenommen wie beim ersten Mal und mit Sicherheit genauso müde.
Ich glitt auf dem Innenhof vom Pferd und musste nach dem Steigbügel greifen, um nicht hinzufallen. Jamie fing mich am Ellbogen ab, dann begriff er, dass ich nicht stehen konnte, und hob mich auf. Er trug mich in die Burg; die Pferde überließ er den Stallknechten.
»Hast du Hunger, Sassenach?«, fragte er und blieb im Korridor stehen. Die Küche lag in der einen Richtung, die Treppe zu den Schlafkammern in der anderen. Ich stöhnte, während ich versuchte, die Augen offen zu halten. Zwar hatte ich Hunger, wusste aber, dass ich mit dem Gesicht in der Suppe enden würde, wenn ich versuchte, vor dem Schlafen etwas zu essen.
Ich hörte ein Geräusch, und als ich benommen die Augen öffnete, sah ich Mrs. FitzGibbons’ massige Gestalt mit ungläubiger Miene neben uns auftauchen.
»Was hat denn das arme Kind?«, wollte sie von Jamie wissen. »Hat sie einen Unfall gehabt?«
»Nein, nur, dass sie mich geheiratet hat«, sagte er. »Wenn Ihr das allerdings als Unfall bezeichnen möchtet, könnt Ihr das gern tun.« Er trat zur Seite, um sich durch die wachsende Menge der Küchenmägde, Pferdeknechte, Gärtner, Waffenknechte und Burgbewohner zu drängen, die durch Mrs. Fitz’ nicht zu überhörende Fragen angelockt worden waren.
Entschlossen schob sich Jamie nach rechts Richtung Treppe, während er einsilbige Antworten auf den Hagel der Fragen gab. Ich blinzelte an seiner Brust wie eine Eule, konnte aber nicht mehr tun, als den Gesichtern, die uns willkommen hießen, zuzunicken und festzustellen, dass die meisten von ihnen neugierig und mitfühlend zu sein schienen.
Als wir um die Ecke des Korridors bogen, erspähte ich ein Gesicht, das noch um einiges freundlicher zu sein schien als der Rest. Es war Laoghaire, deren Gesicht beim Klang von Jamies Stimme zu leuchten begonnen hatte. Doch als sie entdeckte, wen er da auf dem Arm trug, riss sie die Augen auf, und das hübsche Mündchen öffnete sich unvorteilhaft.
Aber sie kam nicht dazu, noch Fragen zu stellen, denn das Gewimmel ringsum kam abrupt zum Stillstand. Auch Jamie blieb stehen. Ich hob den Kopf und blickte in Colums verblüfftes Gesicht, das sich jetzt auf gleicher Höhe mit dem meinen befand.
»Was …«, begann er.
»Sie sind verheiratet«, sagte Mrs. Fitz strahlend. »Wie schön! Ihr könnt ihnen Euren Segen geben, Sir, während ich ein Zimmer vorbereite.« Sie machte kehrt und steuerte auf die Treppe zu. Dabei ließ sie eine beträchtliche Lücke in der Menge zurück, durch welche ich Laoghaires Gesicht sehen konnte, das jetzt kreidebleich geworden war.
Colum und Jamie redeten gleichzeitig aufeinander ein, und ihre Fragen und Erklärungen prallten in der Luft zusammen. Ich begann aufzuwachen, obwohl es übertrieben gewesen wäre, zu behaupten, dass ich ganz bei mir war.
»Nun ja«, sagte Colum nicht übermäßig begeistert, »wenn du verheiratet bist, bist du verheiratet. Ich werde mit Dougal und Ned Gowan sprechen müssen; es wird einige rechtliche Fragen zu regeln geben. Da gibt es zum Beispiel ein paar Dinge, die dir kraft des Mitgiftvertrags deiner Mutter zustehen.«
Ich spürte, wie sich Jamie ein wenig aufrichtete.
»Da du es erwähnst«, sagte er beiläufig, »das glaube ich auch. Und eins dieser Dinge ist ein Anteil an der Quartalspacht der MacKenzie-Ländereien. Dougal hat alles mitgebracht, was er bis jetzt eingenommen hat; vielleicht könntest du ihm sagen, dass er meinen Anteil beiseitelegt, wenn er abrechnet? Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, Onkel Colum, meine Frau ist müde.« Er hievte mich noch einmal etwas fester hoch und wandte sich der Treppe zu.
Ich hatte immer noch weiche Knie, als ich durch das Zimmer wankte, um mich dankbar auf das große Himmelbett sinken zu lassen, auf das wir als frisch Verheiratete anscheinend Anspruch hatten. Es war weich und einladend und – der nimmermüden Mrs. Fitz sei Dank – sauber. Ich fragte mich, ob sich die Anstrengung lohnte, aufzustehen und mir das Gesicht zu waschen, ehe ich mich meinem Schlafbedürfnis überließ.
Gerade hatte ich mehr oder weniger beschlossen, dass ich zwar vielleicht für Gabriels Posaune aufstehen würde, für etwas anderes aber kaum, als ich sah, dass Jamie, der sich nicht nur Gesicht und Hände gewaschen, sondern sich sogar gekämmt hatte, auf die Tür zusteuerte.
»Willst du denn nicht schlafen?«, fragte ich. Er musste doch mindestens so müde sein wie ich, wenn auch weniger sattelwund.