In Jamies Miene spiegelte sich eine Mischung von Verwunderung, Argwohn und ein bisschen Verärgerung. »Aye«, sagte er. »Ich bin ihr im Hinausgehen an der Treppe begegnet. Geht es dir gut, Sassenach? Du siehst ein bisschen mitgenommen aus.« Er betrachtete mich abschätzend. Ich griff nach dem Spiegel und stellte fest, dass mein Haar eine buschige Mähne rings um meinen Kopf gebildet hatte und ich dunkle Ringe unter den Augen hatte. Mit einem Rums legte ich ihn wieder hin.
»Nein, es geht mir bestens.« Ich versuchte, mich zusammenzureißen. »Und wie geht es Laoghaire?«, fragte ich gespielt beiläufig.
»Oh, prächtig«, antwortete er. Er lehnte sich mit verschränkten Armen an die Tür und beobachtete mich nachdenklich. »Ein bisschen überrascht, von unserer Hochzeit zu hören, nehme ich an.«
»Prächtig«, sagte ich und holte tief Luft. Als ich aufblickte, grinste er mich an.
»Du machst dir doch ihretwegen keine Sorgen, oder, Sassenach?«, fragte er scharfsinnig. »Sie hat keinerlei Bedeutung für dich – oder mich«, fügte er hinzu.
»Ach, nein? Sie wollte – oder konnte – dich nicht heiraten. Du musstet aber jemanden haben, also hast du mich genommen, als sich die Gelegenheit ergab. Das verübele ich dir nicht …« Zumindest nicht sehr. »Aber ich …«
Er durchquerte das Zimmer mit zwei Schritten und unterbrach mich, indem er mich bei den Händen nahm. Er legte mir einen Finger unter das Kinn und zwang mich, ihn anzusehen.
»Claire«, sagte er in ruhigem Ton, »ich werde dir sagen, warum ich dich geheiratet habe, wenn ich den Zeitpunkt für gekommen halte – oder auch nicht. Ich habe dich um Aufrichtigkeit gebeten, und ich bin immer aufrichtig zu dir gewesen. Das bin ich auch jetzt. Ich schulde dem Mädchen nichts als Höflichkeit.« Er drückte mir sacht das Kinn. »Aber die schulde ich ihr, und die bekommt sie auch.« Er ließ mein Kinn los und stupste sanft mit dem Finger daran. »Hörst du mich, Sassenach?«
»Oh, ich höre dich!« Ich befreite mich und rieb mir mürrisch das Kinn. »Und ich bin mir sicher, dass du höflich zu ihr sein wirst. Aber zieht beim nächsten Mal die Vorhänge des Alkovens zu – ich will es nicht sehen.«
Seine kupferfarbenen Augenbrauen fuhren in die Höhe, und sein Gesicht errötete schwach.
»Willst du damit andeuten, dass ich dich betrogen habe?«, fragte er ungläubig. »Wir sind noch keine Stunde wieder hier, ich bin mit dem Schweiß und dem Staub von zwei Tagen im Sattel bedeckt und so müde, dass mir die Knie schlottern, und trotzdem glaubst du, dass ich geradewegs losgezogen bin, um eine Sechzehnjährige zu verführen?« Er schüttelte verdattert den Kopf. »Ich kann nicht sagen, ob das als Kompliment für meine Männlichkeit gedacht ist, Sassenach, oder als Beleidigung für meinen Anstand, aber ich will beides nicht hören. Murtagh hat mir zwar gesagt, dass Frauen unvernünftig sind – aber großer Gott!« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, dessen kurze Enden wild abstanden.
»Natürlich will ich damit nicht sagen, dass ich glaube, du hast sie verführt«, sagte ich, um einen ruhigen Ton bemüht. »Alles, was ich sagen will, ist …« Mir kam der Gedanke, dass Frank eine ganz ähnliche Situation um einiges eleganter gehandhabt hatte, als ich es jetzt zuwege brachte. Und doch war ich damals ebenfalls wütend gewesen. Vermutlich war es einfach nicht möglich, seinem Partner so etwas geschickt zu unterstellen.
»Ich meine einfach nur, dass … dass mir klar ist, dass du deine Gründe hattest, mich zu heiraten – und dass diese Gründe deine Sache sind«, fügte ich hastig hinzu, »und dass du mir nichts schuldig bist. Es steht dir absolut frei, zu tun, was du willst. Wenn du … wenn es anderswo jemanden gibt … ich meine … ich werde dir nicht im Weg sein«, schloss ich lahm. Das Blut war mir in die Wangen gestiegen, und ich konnte spüren, wie meine Ohren glühten.
Als ich aufblickte, sah ich, dass auch Jamies Ohren brannten, und zwar sichtlich, ebenso wie alles andere vom Hals aufwärts. Selbst seine Augen, die vom Schlafmangel blutunterlaufen waren, schienen sacht in Flammen zu stehen.
»Nichts schuldig!«, rief er aus. »Und was glaubst du, was ein Eheversprechen ist, Claire? Nur Worte in einer Kirche?« Er ließ seine große Faust mit einem Krach auf die Kommode niedersausen, und die Porzellanschüssel tanzte scheppernd. »Nichts schuldig«, murmelte er wie zu sich selbst. »Tun, was ich will. Und du wirst mir nicht im Weg sein?!«
Er bückte sich, um sich die Schuhe auszuziehen, dann warf er sie nacheinander an die Wand, so fest er konnte. Ich zuckte zusammen, als sie von der Wand abprallten und auf den Boden knallten. Er riss sich das Plaid vom Leib und warf es achtlos hinter sich. Dann steuerte er mit finsterer Miene auf mich zu.
»Ich bin dir also nichts schuldig, Sassenach? Du stellst es mir frei, mich zu vergnügen, wo ich will und mit wem ich will? Ist es das? Sag, ist es das?«, fragte er.