Jamie blieb reglos stehen, da er wusste, dass ihn der Hengst nicht erwischen konnte. Hamish fuhr mit einem Aufschrei zurück, zu Tode erschrocken über das Auftauchen des glänzenden Pferdekopfs mit den aufgerissenen Augen und den geblähten Nüstern.
»Oder auch nicht«, sagte Jamie gelassen. Er streckte die Hand aus, nahm seinen kleinen Vetter an der Schulter und steuerte ihn fort von dem Pferd, das jetzt protestierend gegen die Boxenwand trat. Hamish erschauerte – genau wie die Bohlen der Wand beim Aufprall der tödlichen Hufe.
Jamie drehte den Jungen zu sich. Dann stützte er die Hände auffordernd auf die Hüften und blickte auf ihn hinunter.
»Also«, sagte er mit fester Stimme. »Was ist los? Warum hast du es auf Donas abgesehen?«
Hamish hatte die Zähne stur aufeinandergebissen, aber Jamies Miene drückte sowohl Ermunterung als auch Beharrlichkeit aus. Er stupste den Jungen sacht vor die Schulter und entlockte ihm damit ein kleines Lächeln.
»Komm schon, Junge«, sagte Jamie leise. »Du weißt genau, dass ich es nicht verrate. Hast du eine Dummheit gemacht?«
Leichte Röte stahl sich über die helle Haut des Jungen.
»Nein. Zumindest … vielleicht eine kleine.«
Nach weiteren ermunternden Worten kam die Geschichte heraus, zuerst zögerlich, und dann strömte ihm die Beichte nur so von den Lippen.
Er war tags zuvor mit ein paar anderen Jungen auf dem Pony unterwegs gewesen. Einige der größeren Jungen hatten einen Wettstreit begonnen, wer mit seinem Pferd über das höchste Hindernis springen konnte. Voller Eifersucht und Bewunderung hatte Hamish schließlich seinen Verstand Verstand sein lassen und tollkühn versucht, sein fettes kleines Pony über ein steinernes Mäuerchen springen zu lassen. Das Pony, das dazu weder in der Lage war noch Lust dazu hatte, war abrupt vor der Mauer stehen geblieben und hatte Hamish über seinen Kopf und den Zaun hinweg mitten in die Brennnesseln katapultiert. Von den Nesseln genauso gequält wie vom Gejohle seiner Kameraden, hatte Hamish beschlossen, heute auf »einem richtigen Pferd« auszureiten, wie er es formulierte.
»Sie würden nicht lachen, wenn ich mit Donas käme«, sagte er und malte sich die Szene mit grimmigem Vergnügen aus.
»Nein, sie würden nicht lachen«, pflichtete ihm Jamie bei. »Sie wären viel zu sehr damit beschäftigt, deine kläglichen Reste einzusammeln.«
Er betrachtete seinen Vetter und schüttelte langsam den Kopf. »Ich sage dir etwas, Junge. Ein guter Reiter braucht Mut und Verstand. Den Mut hast du, aber beim Verstand hapert es noch ein bisschen.« Er legte Hamish tröstend den Arm um die Schultern und zog ihn auf das Ende der Stallgasse zu.
»Komm mit, Mann. Hilf mir beim Heufüttern, und ich mache dich mit Cobhar bekannt. Du hast recht, du solltest ein besseres Pferd haben, wenn du so weit bist. Aber du brauchst dich nicht gleich umzubringen, um das zu beweisen.«
Er warf im Vorübergehen einen Blick nach oben, sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und zuckte hilflos mit den Schultern. Ich winkte ihm lächelnd zu, um ihm zu bedeuten, dass er ruhig weitermachen sollte. Er nickte kaum wahrnehmbar, und ich beobachtete, wie Jamie einen Apfel aus dem Fallobstkorb an der Tür nahm. Dann holte er eine Heugabel aus der Ecke und führte Hamish zu einer der Boxen in der Mitte.
»Hier«, sagte er und blieb stehen. Er pfiff leise durch die Zähne, und ein braunes Pferd mit einer breiten Stirn steckte den Kopf in die Stallgasse. Seine großen Augen waren dunkel und freundlich, und die nach vorn geneigten Ohren verliehen ihm einen aufmerksamen Ausdruck.
»Hallo, Cobhar,
»Komm her«, sagte er und winkte seinem kleinen Vetter. »Genau, stell dich neben mich. So dass er dich riechen kann. Pferde beschnuppern einen gern erst einmal.«
»Das weiß ich doch«, schimpfte Hamishs Stimmchen. Er reichte dem Pferd zwar kaum bis an die Nase, streckte aber die Hand aus, um es zu tätscheln. Er wich nicht von der Stelle, als sich der große Kopf senkte, neugierig an seinem Ohr schnüffelte und ihm die Nase ins Haar drückte.
»Gib mir den Apfel«, forderte er Jamie auf, der seinem Wunsch nachkam. Die weichen Samtlippen pflückten Hamish das Obst vorsichtig aus der Hand und schoben es dann zwischen die riesigen Backenzähne zurück, wo es unter saftigem Schmatzen verschwand. Jamie sah beifällig zu.
»Aye. Ihr werdet euch gut vertragen. Freunde dich ruhig mit ihm an; ich füttere die anderen zu Ende, dann kannst du ihn zum Reiten herausholen.«
»Allein?«, fragte Hamish hoffnungsvoll. Cobhar, dessen Name »Schaum« bedeutete, war zwar ein gutmütiger Wallach von etwa anderthalb Metern Stockmaß, aber er war gesund und kernig, etwas ganz anderes als das braune, behäbige Pony.
»Zweimal um die Koppel, und ich sehe dir dabei zu. Wenn du nicht herunterfällst oder ihn im Maul reißt, kannst du allein reiten. Aber es wird nicht gesprungen, bis ich es erlaube.«