Durch ein lautes Räuspern wurden wir jäh von der anderen Zaunseite her unterbrochen. Aufgeschreckt fuhr Jamie herum und schob mich instinktiv hinter sich. Dann hielt er inne und grinste, weil er Alec MacMahon in seiner schmutzigen Hose dort stehen sah. Dieser betrachtete uns sardonisch mit seinem einen, leuchtend blauen Auge. Der alte Mann hielt eine gefährlich aussehende Kastrationsschere in der Hand, die er ironisch zum Salut hob.
»Eigentlich hatte ich vor, sie bei Mahomet anzuwenden«, sagte er. »Vielleicht wird sie hier aber eher gebraucht, was?« Er schnippte einladend mit den dicken Scherenklingen. »Dann würdest du an die Arbeit denken und nicht an deinen Schwanz, Junge.«
»Damit solltest du nicht einmal scherzen, Mann«, gab Jamie grinsend zurück. »Suchst du mich?«
Alec wackelte mit der Augenbraue, die sich bewegte wie eine pelzige Raupe.
»Nein, wie kommst du denn darauf? Ich dachte, ich versuche einfach zum Spaß allein, einen übermütigen Zweijährigen zu kastrieren.« Er lachte keuchend über seinen eigenen Scherz, dann deutete er mit der Schere zur Burg.
»Ab mit dir, Kleine. Du kannst ihn zum Abendessen zurückhaben – was auch immer er dir dann noch nützt.«
Jamie, der dieser letzten Bemerkung offensichtlich misstraute, streckte den Arm aus und brachte die Schere an sich.
»Ich fühle mich sicherer, wenn
Er beugte sich zu mir hinunter, um mich auf die Wange zu küssen, und flüsterte mir zu: »Im Stall. Um die Mittagszeit.«
Die Stallungen von Leoch waren stabiler gebaut als viele der Katen, die ich unterwegs mit Dougal gesehen hatte. Steinböden und Steinwände; die einzigen Öffnungen bestanden aus den kleinen Fenstern am einen Ende, dem Stalltor am anderen und den schmalen Schlitzen unterhalb des Rietdachs für die Eulen, die die Mäuse überschaubar hielten. Doch sie sorgten auch für eine gute Belüftung und ließen so viel Licht ein, dass es angenehm im Stall war, aber nicht düster.
Oben auf dem Heuboden unter dem Dach war das Licht sogar noch besser. Es fiel in gelben Streifen auf das aufgehäufte Heu und ließ den schwebenden Staub wie goldenen Nieselregen aufleuchten. Die Luft, die warm durch die Ritzen kam, duftete nach Rettich und Knoblauch aus dem Garten, und von unten stieg der wohlige Geruch der Pferde zu uns herauf.
Jamie rührte sich unter meiner Hand und setzte sich, eine Bewegung, die seinen Kopf aus dem Schatten in das gleißende Sonnenlicht hob, als würde eine Kerze angezündet.
»Was ist?«, fragte ich schläfrig und wandte den Kopf in die Richtung, in die er blickte.
»Hamish«, sagte er leise und spähte über die Kante des Heubodens hinunter in den Stall. »Will vermutlich sein Pony.«
Umständlich drehte ich mich neben ihm auf den Bauch und deckte mich dabei anstandshalber mit meinem Hemd zu; eigentlich albern, da von unten ganz sicher nicht mehr als mein Scheitel zu sehen war.
Colums Sohn Hamish kam langsam durch die Stallgasse. Vor einigen Boxen schien er zu zögern, wobei er aber die neugierigen schwarzbraunen und kastanienfarbigen Köpfe ignorierte, die sich ihm entgegenstreckten. Er war eindeutig auf der Suche nach irgendetwas, und es war nicht sein fettes braunes Pony, das friedlich in seiner Box an der Stalltür Heu kaute.
»Großer Gott, er will Donas!« Jamie packte seinen Kilt und legte ihn sich hastig um, ehe er sich von der Kante des Heubodens schwang. Statt sich mit der Leiter aufzuhalten, ließ er sich kurzerhand von der Kante hängen und zu Boden fallen. Er landete zwar leichtfüßig auf dem mit Stroh bedeckten Steinboden, aber doch so geräuschvoll, dass Hamish erschrocken herumfuhr.
Sein kleines sommersprossiges Gesicht entspannte sich ein wenig, als er erkannte, wer es war, aber seine blauen Augen blieben argwöhnisch.
»Brauchst du vielleicht Hilfe?«, erkundigte sich Jamie freundlich. Er bewegte sich auf die Boxen zu und lehnte sich so an einen Stützpfeiler, dass er zwischen Hamish und der Box stand, zu der der Junge unterwegs gewesen war.
Hamish zögerte, doch dann richtete er sich auf und reckte das kleine Kinn nach vorn.
»Ich werde Donas reiten«, sagte er in einem Ton, der zwar entschlossen klingen sollte, allerdings nicht so recht überzeugte.
Donas – der Name bedeutete »Dämon« und war absolut nicht als Kompliment gedacht – stand in einer separaten Box am Ende der Stallgasse, durch eine leere Box sicher von seinem nächsten Nachbarn getrennt. Er war ein riesiger, launischer Fuchshengst, der unreitbar war, und nur Alec und Jamie wagten es, sich ihm zu nähern. Aus dem Dunkel seiner Box kam ein gereiztes Quietschen, und plötzlich schoss ein gewaltiger Kupferschädel hervor. Gelbe Zähne klackten laut aufeinander, als das Pferd vergeblich versuchte, in die nackte Schulter zu beißen, die sich ihm so einladend präsentierte.