Ich ließ das Pferd am Rand des Wäldchens zum Grasen zurück, denn ich war mir sicher, dass es sich nicht weit entfernen würde. Das Gras endete abrupt gleich jenseits der Bäume, wo es von der allgegenwärtigen Heide erdrückt wurde.
In dem Wäldchen mischten sich Koniferen mit jungen Eichen, perfekt, um Vögel zu beobachten. Innerlich kochte ich zwar immer noch vor Wut auf Jamie, doch allmählich wurde ich ruhiger, während ich dem unverwechselbaren »
Auf der anderen Seite endete der Wald ziemlich plötzlich am Rand eines kleinen Felshangs. Ich schob mich zwischen den Bäumen hindurch, und der Gesang der Vögel ging unvermittelt in rauschendem Wasser unter. Ich stand an der Kante einer kleinen Schlucht, von deren schroffen Wänden Wasserfälle stürzten, um platschend in braunen und silbernen Becken zu landen. Beeindruckt setzte ich mich auf die Kante der Böschung, ließ die Füße über dem Wasser baumeln und genoss die Sonne in meinem Gesicht.
Eine Krähe schoss über meinem Kopf vorbei, verfolgt von zwei Rotschwänzen. Der kompakte schwarze Körper sauste im Zickzack durch die Luft, um den kleinen Kampffliegern auszuweichen. Amüsiert lächelte ich, während ich beobachtete, wie die aufgebrachten kleinen Elterntiere die Krähe bedrängten und verscheuchten, und fragte mich gedankenverloren, ob Krähen tatsächlich Luftlinie flogen, wenn man sie sich selbst überließ. Wenn diese Krähe beispielsweise immer weiter geradeaus flog, hielt sie direkt auf den …
Ich erstarrte.
Ich war so sehr auf meinen Streit mit Jamie konzentriert gewesen, dass mir bis zu dieser Minute nicht einmal der Gedanke gekommen war, dass die Situation, die ich zwei Monate lang vergeblich herbeizuführen versucht hatte, endlich da war. Ich war allein. Und ich wusste, wo ich war.
Ich blickte über das Flussbett hinüber und wurde von der Morgensonne geblendet, die durch die Ebereschen am anderen Ufer fiel. Dort war also Osten. Mein Herz begann, schneller zu schlagen. Lag Cruime befand sich direkt hinter mir. Und wenn ich dem Flug der Krähe folgte, führte er auch mich zum Hügel Craigh na Dun.
Mir war also zum ersten Mal seit meinem Zusammentreffen mit Murtagh zumindest ungefähr klar, wo ich war – keine zwanzig Kilometer von diesem verdammten Hügel und seinem verfluchten Steinkreis entfernt. Keine zwanzig Kilometer – vielleicht – von zu Hause. Von Frank.
Ich setzte mich in Bewegung, zurück in den Wald, doch dann überlegte ich es mir anders. Ich durfte nicht die Straße nehmen. So dicht in der Nähe des Great Glen und seiner Verkehrswege war die Gefahr zu groß, dass mir jemand begegnete. Und ich konnte kein Pferd durch dieses steile Flussbett führen. Ich hatte sogar meine Zweifel, dass ich es zu Fuß schaffen würde; an manchen Stellen stürzten die nackten Felswände direkt in das schäumende Wasser, und das Einzige, was Halt bot, waren die Spitzen der Felsen, die aus der Gischt des Bachs ragten.
Doch es war bei weitem der direkteste Weg in die Richtung, in die ich wollte. Und ich wagte es nicht, einen größeren Umweg zu machen; es war ja gut möglich, dass ich mich in der Wildnis verlief oder von Jamie und Dougal eingeholt wurde, falls sie früher als erwartet zurückkamen.
Mein Magen verkrampfte sich plötzlich, als ich an Jamie dachte. Gott, wie konnte ich das tun? Ihn ohne ein erklärendes oder entschuldigendes Wort verlassen? Spurlos verschwinden, nach allem, was er für mich getan hatte?
Bei diesem Gedanken beschloss ich endgültig, das Pferd zurückzulassen. Zumindest würde er glauben, dass ich ihn nicht freiwillig verlassen hatte; womöglich glaubte er ja, dass mich ein wildes Tier getötet hatte – ich fasste an den Dolch in meiner Tasche – oder dass mich Gesetzlose verschleppt hatten. Und wenn er keine Spur von mir fand, würde er mich irgendwann vergessen und erneut heiraten. Vielleicht ja die hübsche Laoghaire aus Leoch.
Absurderweise stellte ich fest, dass mich der Gedanke an Jamie, der Laoghaires Bett teilte, beinahe genauso bestürzte wie der Gedanke, ihn zu verlassen. Ich verfluchte mich als Idiotin, aber ich musste mir unwillkürlich ihr hübsches rundes Gesicht vorstellen, vor zärtlicher Sehnsucht errötet, und seine großen Hände, die sich in ihrem herrlichen Haar vergruben …
Ich löste meine Zähne voneinander und wischte mir entschlossen die Tränen von den Wangen. Ich musste gehen, und zwar sofort, solange ich die Gelegenheit dazu hatte. Es war vielleicht die beste Chance, die ich je bekam. Ich hoffte, dass mich Jamie schnell vergessen würde. Ich wusste, dass