»Wie kommt Ihr denn darauf, dass sie es nicht wissen?«, fragte ich. Allmählich wurde mir doch ziemlich mulmig zumute, obwohl ich ja eigentlich beschlossen hatte, die Überlegene zu spielen. Ich warf einen raschen Blick zum offen stehenden Fenster, doch es befand sich auf der falschen Seite des Gebäudes. Ohne die Sonne sehen zu können, schätzte ich, dass es später Nachmittag war. Wie lange noch, bis Jamie mein zurückgelassenes Pferd fand? Und wie lange, bis er dann meine Spur zu dem Bach verfolgte – und sie prompt verlor? Spurlos zu verschwinden hatte auch seine Nachteile. Solange Randall nicht beschloss, Dougal von meinem Aufenthaltsort zu unterrichten, war es den Schotten tatsächlich unmöglich, herauszufinden, wo ich war.
»Wenn sie es wüssten«, sagte der Hauptmann und zog eine seiner elegant geformten Augenbrauen hoch, »wären sie vermutlich schon hier. Angesichts des Vokabulars, das Dougal MacKenzie bei unserem letzten Zusammentreffen auf mich angewandt hat, glaube ich nicht, dass er mich für den geeigneten Gastgeber seiner Verwandten hält. Und sein Clan scheint Euch ja für so wertvoll zu halten, dass er Euch lieber adoptiert, als Euch in meine Hände fallen zu lassen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie Euch hier auf die Geduldsprobe stellen würden.«
Er betrachtete mich missbilligend bis ins letzte Detail meiner durchnässten Aufmachung, meines ungekämmten Haars und meiner allgemein wilden Erscheinung.
»Hol mich der Teufel, wenn ich weiß, warum sie Euch wollen«, merkte er an. »Oder warum in aller Welt sie Euch allein in der Gegend umherwandern lassen, wenn Ihr ihnen so wichtig seid. Ich dachte, selbst Barbaren geben besser auf ihre Frauen acht.« Ein plötzlicher Glanz stahl sich in seine Augen. »Oder habt Ihr beschlossen, Euch wieder von ihnen zu trennen?« Er lehnte sich zurück, fasziniert von dieser neuen Idee.
»Die Hochzeitsnacht hat Euch also mehr abverlangt, als Ihr erwartet hattet?«, fragte er. »Ich muss gestehen, ich war gekränkt, dass Ihr lieber mit einem dieser haarigen, halb nackten Barbaren ins Bett steigt, als weiter mit mir zu diskutieren. Das zeugt von extremem Pflichtgefühl, Madam, und ich muss Euren Auftraggeber – wer auch immer es ist – dazu beglückwünschen, dass er Euch so inspirieren kann. Dennoch«, sagte er und lehnte sich noch ein Stück weiter zurück, während er den Rotwein auf seinem Knie balancierte. »Ich fürchte, ich muss trotzdem darauf bestehen, den Namen Eures Brotherrn zu erfahren. Wenn Ihr Euch tatsächlich von den MacKenzies getrennt habt, ist die wahrscheinlichste Annahme die, dass Ihr eine französische Agentin seid. Doch in wessen Auftrag?«
Er fixierte mich gebannt wie eine Schlange, die einen Vogel zu hypnotisieren versucht. Doch inzwischen hatte ich genug Rotwein getrunken, um einen Teil des mulmigen Gefühls zu betäuben, und ich erwiderte seinen Blick gelassen.
»Oh«, sagte ich ausgesprochen höflich. »Ich bin Teil dieser Unterhaltung? Ich fand, Ihr macht das alleine ganz gut. Fahrt doch bitte fort.«
Sein fein geschnittener Mund verspannte sich ein wenig, und die Falte in seinem Mundwinkel vertiefte sich, doch er sagte nichts. Stattdessen stellte er sein Glas beiseite, erhob sich, setzte seine Perücke ab und ging zum Schrank. Ich sah, wie er einen Moment innehielt, als er die dunklen Sandkörnchen bemerkte, die seine andere Perücke zierten, doch seine Miene änderte sich kaum.
Sein eigenes Haar war dunkel, dicht, fein und glänzend. Außerdem sah es bestürzend vertraut aus, obwohl es schulterlang war und von einem blauen Seidenband zusammengehalten wurde. Dieses löste er jetzt, nahm sich den Kamm vom Schreibtisch und ordnete sich das von der Perücke zerdrückte Haar. Ich hielt ihm hilfsbereit den Spiegel hin, damit er das Ergebnis begutachten konnte. Er nahm ihn mir mit einem markanten Blick aus der Hand, legte ihn an seinen Platz zurück und schloss geräuschvoll die Schranktür.
Ich konnte nicht sagen, ob diese Verzögerungstaktik dazu diente, mich nervös zu machen – in welchem Fall sie funktionierte –, oder ob er sich einfach nicht entscheiden konnte, was er als Nächstes tun sollte.
Die Atmosphäre entspannte sich ein wenig, weil ein Bediensteter mit einem Teetablett ins Zimmer trat. Immer noch schweigend schenkte Randall zwei Tassen voll und bot mir eine davon an. Wir nippten erneut stumm vor uns hin.
»Sagt es mir nicht«, begann ich schließlich. »Lasst mich raten. Es ist eine neue Form der Überredungskunst, die Ihr erfunden habt – Blasenfolter. Ihr drängt mir Getränke auf, bis ich verspreche, Euch zu erzählen, was Ihr wollt, wenn ich nur einen Nachttopf benutzen darf.«