Vorsichtig stieg ich die steile Böschung hinunter zum Rand des Wassers. Der Lärm des rauschenden Bachs übertönte jetzt jeden Vogelgesang. Das Terrain war zwar schwierig, aber immerhin war hier Platz, am Ufer entlangzugehen, das schlammig und voller Steine, jedoch passierbar war. Ein Stück weiter würde ich allerdings tatsächlich ins Wasser steigen müssen, um von Stein zu Stein zu balancieren, bis das Ufer wieder breit genug zum Gehen wurde.
Ich tastete mich vorsichtig voran und überlegte, wie viel Zeit mir wohl bleiben mochte. Jamie hatte nur gesagt, dass er bis zum Abend zurück sein würde. Eigentlich war es nicht allzu weit bis Lag Cruime, aber ich wusste ja nicht, wie die Straßen beschaffen waren oder wie lange das Gespräch mit Horrocks dauern würde. Wenn er denn dort war. Doch man konnte davon ausgehen, dass Horrocks kommen würde; Hugh Munro hatte es gesagt, und er war zwar eine seltsame Gestalt, doch Jamie betrachtete ihn eindeutig als verlässliche Informationsquelle.
Mein Fuß rutschte prompt vom ersten Felsen im Bach ab, so dass ich bis zum Knie im eisigen Wasser landete und mir den Rock durchnässte. Ich kehrte ans Ufer zurück, steckte mir die Röcke hoch, so gut ich es konnte, und zog sowohl Schuhe als auch Strümpfe aus. Diese schob ich in die Tasche, die durch meinen hochgeschürzten Rock gebildet wurde, und trat erneut mit dem Fuß auf den Felsen.
Schnell stellte ich fest, dass ich mich ohne Ausrutscher von Stein zu Stein bewegen konnte, wenn ich mich mit den Zehen festhielt. Doch die Stoffmassen meines Rocks erschwerten es mir zu erkennen, wohin ich als Nächstes treten musste, und ich fand mich mehr als einmal im Wasser wieder. Meine Beine wurden eiskalt, und je weniger ich meine Füße spürte, desto schwieriger wurde es, mich mit den Zehen festzukrallen.
Zum Glück wurde das Ufer wieder breiter, und ich ging dankbar an Land und lief durch den warmen, zähen Schlamm. Kurze Abschnitte mehr oder weniger bequemen Schlammtretens wechselten sich mit sehr viel längeren Strecken ab, auf denen ich inmitten eiskalter Stromschnellen von Stein zu Stein hüpfen musste. Dabei stellte ich allerdings erleichtert fest, dass ich viel zu beschäftigt war, um allzu intensiv über Jamie nachzudenken.
Nach einer Weile hatte ich es heraus. Auftreten, mit den Zehen zukrallen, innehalten und so weiter. Ich muss übermütig geworden sein oder vielleicht auch einfach nur müde, denn ich wurde unvorsichtig und trat zu kurz. Mein Fuß rutschte kraftlos an der Vorderseite eines schleimbedeckten Felsens ab. Wild wedelte ich mit den Armen und versuchte, zurück auf den Felsen zu steigen, auf dem ich gestanden hatte, doch ich war schon zu weit aus dem Gleichgewicht geraten. Mitsamt meiner Röcke und Unterröcke, in deren Stoffschichten auch irgendwo der Dolch vergraben war, tauchte ich ins Wasser.
Und tauchte immer tiefer. Der Bach war zwar eigentlich nur einen guten halben Meter tief, doch hier und dort hatte das rauschende Wasser Vertiefungen in den Fels gefressen. Der Stein, auf dem ich den Halt verloren hatte, stand am Rand einer solchen Vertiefung, und als ich ins Wasser fiel, versank ich selbst wie ein Stein.
Ich erschrak so sehr, als mir das eisige Wasser in Mund und Nase drang, dass ich nicht mal aufschrie. Silberne Bläschen kamen aus meinem Mieder geschossen und gurgelten an meinem Gesicht vorbei an die Oberfläche. Der Baumwollstoff saugte sich blitzartig voll, und der eisige Griff des Wassers lähmte mir den Atem.
Nach dem ersten Schock begann ich sofort, mich wieder nach oben zu kämpfen, aber das Gewicht meiner Kleider zog mich unweigerlich hinab. Panisch zerrte ich an den Schnüren meines Mieders, doch es gab keine Hoffnung, mich der Kleider zu entledigen, ehe ich ertrank. Mir schossen eine ganze Reihe böser, undankbarer Gedanken über Schneiderinnen, Frauenkleider und die Idiotie langer Röcke durch den Kopf, während ich hektisch die Beine bewegte, um mich nicht in den Falten des Stoffs zu verfangen.
Das Wasser war kristallklar. Meine Finger streiften die Felswand und glitten durch lange dunkle Girlanden aus Wasserpest und Algen. Schlüpfrig wie Nixenkraut, hatte Jamie gesagt, über meine …
Dieser Gedanke riss mich aus meiner Panik. Plötzlich begriff ich, dass ich meine Kräfte nicht mit dem Versuch verschwenden durfte, an die Oberfläche zu schwimmen. Das Wasser konnte nicht mehr als zweieinhalb Meter tief sein; was ich tun musste, war, mich zu entspannen, auf den Grund zu sinken, dort Schwung zu holen und mich nach oben abzustoßen. Mit etwas Glück konnte ich zumindest Luft holen, und selbst wenn ich wieder unterging, konnte ich mich mit frischer Luft in den Lungen immer wieder vom Boden abstoßen, bis ich dicht genug an den Rand gelangte und einen Felsen zu fassen bekam.